SOLONG – NEWS 15. Folge

Bahamas II

V2. April 2000 - 1. Juni 2000 - von den Exumas über Eleuthera, Current Cut !!!, Royal Island, Berry Islands nach Freeport auf Great Bahama und über den Golfstrom nach West Palm Beach (FL) Florida: West Palm Beach, Fort Pierce, Cap Canaveral, San Augustine Georgia: Brunswick, Savannah South Carolina: Hilton Head, Dataw Island, Charleston


Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte

Wie langweilig wäre doch so ein Bericht, wenn wir ereignislos durch die Weltmeere segelten und nebenbei nur essen und schlafen würden. Aber darüber später.

Während wir durch die Bahamas segelten, ca. 800 Seemeilen, benötigten wir den Motor nur zum Ankern. Der eher kühle Wind wehte konstant und recht stark. Nur in den Exumas verbrachten wir eine schöne, sonnige Woche, ansonsten löste eine Kaltfront die andere ab. Und trotzdem waren die Sandflöhe da. Das sind winzig kleine Biester, erschienen am späten Nachmittag in Heerscharen und stachen einfach immer zu. Die Einstiche, 100 habe ich bei mir einmal gezählt, waren so klein wie die Flöhe selbst, aber beissen tun diese unbeschreiblich, Tag und Nacht. Beim Segeln habe ich mir immer wieder überlegt, weshalb Daniel und auch andere Männer nicht verstochen werden, und dann bin ich zu folgendem Schluss gekommen: Weil sich die Viecher auf die Körperhaare der Männer setzten, sofern sie welche haben, stechen sie lediglich in die Luft und nicht in die Haut. Daniel meint, dies sei eine mögliche Erklärung. Hier an der Ostküste gibt es nicht nur Mücken, sondern auch Bremen, die doppelt so gross sind wie bei uns in der Schweiz. Diese stechen nicht, sie beissen regelrecht, sodass es blutet. Einmal musste ich das Ankermanöver unterbrechen und unter Deck flüchten, so viele Bremen schwirrten ums Boot. Ähnlich wie wild gewordene Bienen. Auch das kennen wir in der Schweiz nicht. Es gibt hier nicht nur sehr dicke und schwammige Leute, auch die Bremen fressen sich einen Bauch an.

Bei unserer Ankunft Mitte April in West Palm Beach waren die Temperaturen noch sehr angenehm. Zuerst lagen wir vor Anker, dann begleitete uns Tom von der Segelyacht "Enchantment" auf unserem Schiff durch den Intracoastel Waterway in seine Marina. Er wohnt schliesslich seit einem Jahr dort in der Old Port Cove Marina und ist für uns ein Insider. Eigentlich hätte der Weg von unserem Ankerplatz in seine Marina nur ein paar wenige Meilen betragen, aber wegen der fixen Brücke, die für unseren Mast zu niedrig war, fuhren wir einen 25 Seemeilen langen Umweg. Die eine Hälfte davon der Küste entlang, die andere auf dem Intracoastel Waterway. Dieses Stück Wasserweg ist das best ausgebaute zwischen Florida und über New York hinaus. Alle Brücken lassen sich öffnen und die Wassertiefe ist auch optimal. Tom meinte, es sei auch bei Niedrigwasser kein Problem, er ist Schiffsbroker - verkauft also gebrauchte Motor- und Segelyachten - und ist schon viele Male da durchgefahren. Also sind wir in das sogenannte Jupiter Inlet, so heisst dieses Stück Wasserweg, eingebogen, und schon rumpelte unser Schiff über einen Felsen, obschon das Echolot (Tiefenmesser) 3,5 m anzeigte, d.h. genügend Wassertiefe. Wir sind wieder einmal recht erschrocken und für unseren lieben Tom war es unfassbar. Er hätte von diesem Felsen noch nie etwas gehört. Dann ging die Fahrt 300 Meter weiter und schon steckte unser 25 Tonnen schweres Schiff wieder im Schlick. Langsam aber sicher trauten wir Tom's Insider-Kenntnissen nicht mehr. Schlussendlich warteten wir wieder 4 Stunden lang auf Hochwasser, bis wir weiterfahren konnten. Die zweistündige, abendliche Fahrt durch den Jupiter entschädigte uns dann allerdings. Die Abendstimmung hätte nicht schöner sein können und eine Villa reihte sich an die andere, jede mächtiger und prächtiger entlang dem Intracoastal Waterway. So etwas gibt es bei uns nicht. Dann, kurz vor der Ankunft in der Marina hatte uns Tom angewiesen die Kurve auszufahren, weil dort das Wasser tiefer wäre, als näher am Ufer. Nicht einmal vor seiner eigenen Haustür wusste Tom über Untiefen Bescheid. Die Kurve hätten wir nicht ausfahren dürfen und deshalb blieben wir nochmals stecken. Langsam aber sicher rührte sich meine Wut. Aber Tom liebt buchstäblich solche Abenteuer. Er meinte, seine Frau flippe viel mehr aus als ich, wenn sie stecken bleiben. Na so was. In der Zwischenzeit sind wir etwas müde geworden von diesen ewigen Untiefen, denn in den Bahamas passierte uns auch ein Lapsus und in Freeport, bei der Einfahrt in den Kanal zur Marina, blieben uns nur noch 10 cm Wasser unter dem Kiel. Sehr stressig. Anschliessend rotierten Tom, Daniel und ich, weil sich unser Schiff nicht mehr bewegen liess. Das Dinghy wurde seitlich am Baum aufgehängt, ich musste mich hineinsetzen und dann kurbelte Daniel beides zusammen stöhnend hoch. Unsere Tochter meinte, dass sie für ihren Vater volles Verständnis hätte, das Dinghy sei auch ohne Mutter schon schwer genug zum Hochhissen. Aber ...... die Wirkung blieb nicht aus, das Schiff befreite sich, dank der seitlichen Krängung.

Wir verbrachten 10 ausgefüllte Tage in North Palm Beach. Tom und Vicki verreisten in die Ferien und überliessen uns ihr Auto. Viele Rentner sind bereits wieder zurückgekehrt in den Norden Amerikas, um dann den nächsten Winter erneut in Florida zu verbringen, wo das Klima warm und trocken ist, wie bei uns die Europäer auf den Kanarischen Inseln oder in Spanien oder so und anders. Der Ort selber ist sehr schön und gepflegt mit gestylten Einkaufsläden, guten Restaurants und viel Fast Food natürlich, mächtigen Bäumen und sattgrünen Wiesen mit 5mm breiten Grashalmen. Wir befinden uns hier wieder in einem zivilisierten Land. Rückblickend war es nicht immer einfach in diesen Drittweltländern, wo ständig so viel Kehricht und anderer Schmutz herumliegt und entsprechend schlecht riecht. Die Leute sind sehr arm und leben in entsprechend einfachen Hütten. Auch hier an vielen Orten überall Schmutz.

In Palm Beach ging es nicht ohne Mechaniker. Unser Auspufftopf zeigte wieder Löcher und liess Salzwasser durch. Ein Volvo-Experte erklärte sich einverstanden, diesen unter Garantie zu ersetzen. Das erste Mal haben wir den Garantie-Anspruch um wenig verpasst, weil wir zu lange nach dem Loch im Motorenraum suchen mussten. Zudem wurde eine verrostete Wasserleitung auch im Motorenraum entdeckt.. Bei der nächsten Vibration des Schiffes, wäre diese von selbst gebrochen und hätte, was weiss ich alles unter Wasser gesetzt. Im Generator wurde der Wärmeaustauscher und das Thermostatgehäuse ausgewechselt. Alles verrostet. Den mit Salzwasser verkrusteten Motorenraum liessen wir von einer Spezialfirma reinigen.

Wir sind am Sonntag, dem 30. April, in Cape Canaveral in der Cape Marina angekommen. Das Anlegemanöver verlief schwieriger als sonst, wegen starker Strömung und Wind. Zudem wollten wir mit dem Heck an den Steg, da der Ausstieg mit dem Hund einfacher ist. Bei diesen Bedingungen war es allerdings keine gute Idee und als wir das Boot wendeten, wurden wir quer an drei Pfosten gedrückt. Es lag da ein anderes Schiff mit gelegtem Mast, den wir leicht berührten, die Angelegenheit war aber nicht der Rede wert. Irgend ein Kerl erschien auf dem Bug jenes Schiffes und machte Zeichen uns zu entfernen. Der Bootseigner, man nennt ihn hier ein New Yorker von der Strasse (Streetpeople sagen die Amerikaner), also einer von der übelsten Sorte, war nicht anwesend. Auf dem Boot rechts von unserem, befand sich ein Ehepaar aus England, das uns beim schwierigen Anlegemanöver half. So weit so gut. Als dann aber der Eigner mit vielen Leuten vom Sonntagsausflug zurückkehrte, begann das Lamento. Dieses Nachbarboot war das schlimmste Schiff, das wir je gesehen haben. Ein riesiger Saustall auf, und soweit man hinein sehen konnte, auch unter Deck. Die Leute waren entweder betrunken oder verladen oder beides. Dann wurde bei uns geklopft und Daniel musste sich den Schaden ansehen. Wir hätten seinen Holzmast so stark beschädigt, dass ein Spalt auf der ganzen Länge entstand. Nur, dieser Riss war schon so alt und morsch wie der ganze Holzmast auch, sodass man hindurch sehen und mit dem Finger beinahe hineinbohren konnte. Zudem befand ich mich auch auf dem Bug unseres Schiffes und hätte, da ich weder betrunken noch verladen war, ein solcher Crash wahrnehmen sollen. Wir waren damit einverstanden, dass der Schiffseigner die Coastguard rufen wollte, dann änderte er seine Meinung und wollte die Polizei alarmieren. Auch damit erklärten wir uns einverstanden, weil er US$ 2000.- als Schadenersatz forderte. Man muss schon irgendwie belämmert sein, wenn man als Eigner eines solch lausigen Schiffes die Polizei bestellt. Tags darauf erschien sie dann tatsächlich, weil wir angezeigt wurden. Ein sehr netter Polizist, dem die Situation bei entsprechendem Augenschein sofort klar wurde. Es handelte sich dann nicht mehr um den grossen Riss, sondern um ein Risslein ganz vorne am Mast. Auch der Polizist hatte den deplorablen Zustand des Mastes und des ganzen Schiffes überhaupt, festgestellt. Er gewann wie wir den Eindruck, dass sich das Gesindel auf unsere Kosten einen neuen Mast finanzieren wollte. Wir verhielten uns sehr zurückhaltend und liessen es zu keiner Provokation kommen. Ich selbst blieb meistens unter Deck während den Diskussionen. Bravo Silvia! Am nächsten Tag (wir erhielten zwei Tage Bootsarrest, d.h. wir mussten zur Verfügung stehen) erschien der Polizist wieder wie abgemacht, und holte sich unseren schriftlichen Bericht. Nachdem sich die Engländer auf ihrem Boot befanden, wurden sie als unsere Zeugen befragt. Der New Yorker stand lange Zeit bewegungslos in Militärkleidern, Sonnenbrille, einem finsteren und hasserfüllten Blick auf seinem Boot und schaute 20 Minuten lang regungslos zu uns herüber. Irgend etwas musste ihm den Boden unter den Füssen weggezogen haben. Ich weiss nur, dass ich noch nie in meinem Leben so viel Angst hatte beim Anblick dieses Menschen, wobei Daniel meinte, dass es ihm gelungen sei, mich zu terrorisieren, nachdem er bei ihm keinen Erfolg hatte. Echt zum fürchten. Eigentlich wäre dazu keine Veranlassung gewesen, denn wir hatten die Polizei ja nicht gerufen, auch kommen wir normalerweise für von uns verursachte Schäden ohne Diskussion auf, aber wenn es sich um eine echte Betrügerei handelt, dann sieht die Sache anders aus. Wir haben auch nicht erfahren, was ihm die Polizei gesagt hatte. In der Folge wurden wir dann aber massiv bedroht und ich habe solche Angst gekriegt, dass ich den Liegeplatz wechseln wollte, dorthin, wo auch noch andere Leute auf ihren Booten wohnten. Zudem wurde auf jenem Schiff den ganzen Tag "gesoffen" und je später der Abend, je lauter gegrölt. Ich habe dann der Polizei telefoniert und meine Ängste über die Bedrohungen mitgeteilt. In Amerika gelten schon Bedrohungen als Straftat. Die Polizei erschien wieder in der Marina. Es haben uns dann viele Bootsleute ihre Hilfe angeboten beim Wechseln des Bootsplatzes, sie gaben uns ihre Telefonnummer, falls wir nachts Schwierigkeiten bekommen sollten etc. Die Hilfsbereitschaft war einmalig. Die Angelegenheit war den amerikanischen Kollegen, gegenüber ausländischen Gästen, offensichtlich sehr peinlich. Wir gaben auch zu erkennen, dass es uns klar war hier mit einem auch für US-Verhältnisse absoluten Ausnahmefall zu tun zu haben. Bereits vor unserem Bootsplatzwechsel hatten wir besprochen, zukünftig den Liegeplatz neben einem Schiff in so deplorablem Zustand abzulehnen. Es handelt sich meistens um jene Sorte Leute, die man meiden sollte. Die Angelegenheit scheint, bis jetzt, keine Folgen zu haben!

Nach dem wirklich sehr interessanten Besuch des Space Centers Cape Kennedy, wobei wir uns trotzdem manchmal fragen, wie es die Amerikaner geschafft haben auf den Mond zu fliegen, nachdem so viele Leute nicht einmal wissen, was sich um die Ecke befindet, sind wir in einem Nachttörn nach San Augustine gesegelt. Da hat es uns so gut gefallen, dass wir gleich ein paar Tage in der Downtown Marina geblieben sind. Die Stadt ist klein und so atypisch für Amerika. Es heisst, es sei die ältestes Stadt in den USA. Keine Hochhäuser, dafür sehr hübsche neue und alte Holzhäuser mit vielen guten Restaurants. Auch die Amerikaner kommen langsam auf den Geschmack. Aber so ohne Pannen soll es ja nicht weitergehen. Unser Freezer ist hier ausgestiegen. In ganz seltenen Fällen sei der Kompressor defekt, meinte der Fachmann. Bei uns war es dann der Kompressor, der in Italien bestellt werden musste. Die glücklicherweise noch nicht abgetaute Ware - manchmal haben solche tiefen Truhen auch ihre Vorteile - konnten wir im Marina Shop in den Freezer stecken, wo wir eine Woche später von Savannah mit dem Auto zurückkommend, die Ware wieder abholten. Wir mussten unbedingt unsere Reise fortsetzten, weil wir in Savannah Besuch erwarteten. Aber vorher sollte dort in der Palmer Johnson Marina der Freezer repariert, eine Ölpumpe ersetzt und eine Untersuchung nach Elektrolyse durchgeführt werden, weil wir an Metallteilen zu viele Schäden hatten (Elektrolyse = Elektrochemische Zersetzung, die durch Seewasser und seine gute Leitfähigkeit als Elektrolyt verursacht wird). Auf unserem Schiff gibt es keine elektrolytische Zersetzung. Die Schäden müssen vom Salzwassereinbruch in den Motorenraum entstanden sein.

Mit unseren Gästen verbrachten wir eine schöne und lustige Zeit, auch unser Schiff funktionierte zwei Wochen lang einwandfrei. Eigentlich soll man den Tag nicht vor dem Abend loben, aber wir wagen dennoch zu hoffen, dass eine bessere Zeit beginnt, wir würden uns sonst nie in die Südsee wagen.

Unsere Reise setzte sich von Savannah über Hilton Head, Beaufort, Charleston fort, wo wir uns momentan befinden. Von Florida bis weit über New York hinaus schlängelt sich der ca. 2000 Seemeilen lange Intracoastal Waterway vom Meer geschätzt hinter dem Ufer entlang. Für uns unerreichbar mit 7 = Fuss Tiefgang (1 Fuss = 30 cm) und einer Masthöhe von 72 Fuss. Der Fluss ist meistens viel weniger Tief und wir haben keine Lust mehr, stecken zu bleiben und die fixen Brücken erlauben nur eine maximale Masthöhe von 65 Fuss.

Die Orte an der Ostküste entlang bestehen nicht aus rechteckigen oder quadratischen Hochhäuserblocks, sondern aus vielen, sehr hübschen Häusern aus der Kolonialzeit. Manche wurden bereits restauriert. Was es hier aber überall gibt, so wie bei uns Tennisplätze, sind wunderschöne Golfanlagen.

Nachdem unsere Gäste wieder abgereist sind, ersetzte die Firma "Selden" unseren Grossaum unter Garantie, weil er einen Materialfehler aufwies. Auf ein Ersatzteil für unser Satellitentelefon warten wir noch und schon bald geht es wieder nordwärts. Wir werden den Sommer doch nicht in der Chesapeak Bay verbringen, weil uns viele Amerikaner davon abgeraten haben. Es sei dort so heiss, feucht und windstill im Juli und August, dass es fast nicht aushaltbar sei. Also machen wir es wie die anderen und segeln sehr bald nach Maine. Ende August segeln wir dann langsam die Ostküste wieder hinunter, um dann in der Chesapeak Bay das Schiff über den Winter zu lagern. Hier ist es weniger kalt als in Maine. Die Segelsaison dort oben dauert eh nur vom 1. Mai bis 1. Oktober.

Bis bald - SOLONG Daniel und Silvia Glur mit Bordhund Gorky