SOLONG – NEWS 16. Folge

US-OSTKUESTE I

1. Juni 2000 - 5. July 2000 - Von Charleston, Beaufort (South Carolina) nach Norfolk und York River (Virginia) |ber Atlantic City (Maryland) nach Long Island (New York)

 

Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte

Von Charleston nach Long Island legten wir rund 1000 Seemeilen (x 1.8 - km) zurück. Hier und da verbrachten wir die Nacht vor Anker in einem Inlet, bei grösseren Ortschaften verweilten wir ein paar Tage und zwischendurch motorten !! wir längere Distanzen in einem Schlag zwischen 120 und 270 Seemeilen. Der Segelwind hat uns im Stich gelassen, deshalb mussten wir meistens "motoren". Wir sind der Atlantikküste entlang hochgefahren. Da gibt es immer wieder sogenannte Inlets, d.h. das sind Einschnitte ins Hinterland, wo die Intracoastal Waterways verlaufen ( für uns wegen unserer Masthöhe und den zahlreichen Brücken nicht passierbar ), sich die Ortschaften verbergen und von den Winterstürmen schützen. Dies sind oft schöne aber recht lange Flussfahrten, manchmal 40 Seemeilen einen Weg, manchmal auch zu untief für unser Schiff. Die Orte sind klein und überschaubar und wirklich sehenswert, ausser teilweise in Nord-Florida und Atlantic City..

Nach einer längeren Fahrt über Nacht sind wir in Norfolk - der Anfang der Chesapeake Bay - in der City Marina angekommen. Ein guter Liegeplatz im Stadtzentrum, aber es herrschte bereits eine sehr feuchte Hitze, ich finde keine Worte diese zu beschreiben. Eine Woche sind wir in Norfolk geblieben und werden diese Zeit nie mehr vergessen.

Zuerst beabsichtigten wir einige Tage in der Marina zu verbringen. Für den kommenden Event aber benötigte die Marina sämtliche Bootsplätze für die Sponsoren. Wir sind Mitten in die Vorbereitungen der Festivitäten geraten: Am darauffolgenden Wochenende fand die sog. OpSail 2000 statt. Diese begann am Freitag mit einer "Tall Ship" Parade. Das sind weltweit die grössten Segelschiffe, die sich da trafen. Aus USA natürlich, Russland, Chile, Deutschland, Polen, Italien, Australien, Großbritannien etc. Am Samstag warteten alle auf das Feuerwerk und am Sonntag konnte man weiterhin diese grossen Schiffe besuchen und überall wurde gegrillt, und überall massenhaft Leute inmitten dieser Affenhitze.

Aber angefangen hatte diese unvergessliche Woche damit, dass wir die Marina schon am Montag verliessen und uns auf der anderen Seite des Flusses, im offiziellen Ankerfeld, einen schönen Platz aussuchten. Als wir vom Stadtbummel zurückkehrten, ankerte, für unsere Begriffe, ein anderes Schiff etwas zu nahe. Der Mann war zu nichts mehr zu bewegen. Also verlegten wir zum zweiten Mal an diesem Tag. Am Dienstagmorgen erschien die Coast Guard und setzte neue, gelbe Bojen, um das Ankerfeld zu verkleinern. Die roten Bojen wurden ungültig. Für die gelben Bojen befanden wir uns zu weit draussen, also Anker auf und neu setzen. In der Zwischenzeit erschien neben uns ein Schweizerschiff, dem wir in Puerto Rico schon einmal begegnet sind. Das war der positive Aspekt dieser Woche. Am Mittwoch kam die Coast Guard wieder mit einer grossen, schwarzen Stahlbarke, etwa 50 m lang, 10 m breit und 3 m hoch. Diese setzten sie an den Rand des Ankerfeldes, ganz in der Nähe unseres Ankerplatzes. Der einzige Grund dieses Störfaktors waren die aufzuhängenden Reklametafeln. Zwei WC-Häuschen wurden aufgestellt, damit ja kein Barken-Hüter auf die Idee kommen könnte, von dort oben in den Fluss hinunter zu pinkeln. Und warum zwei Hauschen, fragten wir uns? Damit es wohl keinen Streit geben kann, wenn zwei gleichzeitig denselben Drang verspüren. Am Mittwochabend drehte der Wind und bescherte uns ein kleineres Gewitter, wobei wir etwas zu nahe an die Barke gedrückt wurden. Wir lichteten wieder einmal mehr den Anker und setzten ihn erneut ausserhalb der gelben Markierung. Ein Holländer musste dasselbe tun. Tags darauf, also am Donnerstag, erschien natürlich wieder die Coast Guard und wollte uns und den Holländer ins gelbe Bojenfeld zurückschicken. Wir hatten aber unterdessen dort keinen Platz mehr, der Schwojradius wurde zu eng, weil sich in der Zwischenzeit das Ankerfeld mit sehr vielen Schiffen aufgefüllt hatte. Dann erlaubte uns die Coast Guard, 5 Fuss innerhalb der gelben Boje den Anker zu werfen. Ich glaube, die haben keine Ahnung vom Ankern. 5 Fuss sind 1.5 m und wir steckten jeweils 30 Meter Kette bei jenem schlechten Ankergrund. Natürlich befanden wir uns auf diese Weise wiederum ausserhalb der markierten Grenze, das war uns schon klar, aber den Amis wohl erst, als sie es mit eigenen Augen sahen. Also wieder Anker auf, weil das so nicht sein durfte. Aber der Holländer und wir hatten keinen Platz mehr innerhalb, so versuchten wir es mit einem Päckchen (d.h. indem wir die beiden Schiffe aneinander befestigten und Bug- und Heckanker setzten). Dieses Manöver wollte dem NL bei dem relativ starken Wind und ohne Bugpropeller, er besass ein altes, schwerfälliges aber schönes Holzschiff, nicht gelingen. In der Zwischenzeit "hirnte" der Engländer von nebenan und meinte, dass wir es doch mit einem Vierer-Päckchen versuchen sollten: ein Engländer, ein Holländer und zwei Schweizer. Dieses Manöver gelang nach 2 = Stunden und der Euro-Clan war perfekt. Von Donnerstag bis Sonntag lagen wir fest verwurzelt und harrten da der Dinge die da kommen sollten. Mit den Schweizern, die schon seit 17' Jahren alle Weltmeere befahren haben, verbrachten wir eine sehr schöne und interessante Zeit. Die ca. 1000 Schiffe brachten viel Unruhe und Chaos in den Ankerplatz. Einige Boote wurden abgeschleppt, weil sie ohne Besatzung still und leise auf dem Ankerplatz herum schwammen, das Resultat einer amerikanischen Ankerübung. Die Tall-Ship-Parade dauerte am Freitag einige Stunden. Am Samstag warteten alle wie gebannt auf des Feuerwerk, das schliesslich in doppelter Ausführung (eine Art Stereo) in einem Abstand von ca. 2000 m im Fluss synchron abgefeuert wurde. Eine halbe Stunde lang wurden viele Raketen in die Luft verpulvert, immer wieder dieselben in anderen Farben, also etwas langweilig, aber die Synchronisation stimmte. Im Verlaufe des Sonntags verzogen sich viele Schiffe wieder. Der Holländer löste das Päckchen am Nachmittag auf, weil er über den Atlantik nach Europa zurück segelte. Der Engländer ankerte nebenan und wir zwei Schweizer ankerten ebenfalls jeder wieder für sich, weil ein Gewittersturm angesagt wurde. Dies war also die eine Woche. Den Schweizern gegenüber wagte ich die vorlaute Bemerkung, dass unser Schiff jetzt ziemlich im Schuss sei und wir es endlich etwas geniessen können. Im letzten Bericht hatte ich geschrieben, man soll den Tag nie vor dem Abend loben. Als der Sturm kam, war es Abend. Im letzten Moment demontierten wir ganz schnell das grosse Sonnendach. Im Nachhinein kann man nur sagen, Gott sei Dank. Der Himmel verdunkelte sich etwas früher, weil das Gewitter nahte. Von weitem blitzte es bereits, aber die Donner waren noch nicht hörbar. Unterdessen kreuzte das Schweizerdinghy auf. Sie kamen aus der Stadt zurück. Das Jazzkonzert auf dem Deutschen Schiff wurde durch Lautsprecher abgebrochen, alle Leute aufgefordert nach Hause zu gehen und die Boutiquen zu schliessen, wegen dem nahenden "Thunderstorm". Die Stimmung war unheimlich. Die Leute warteten in ihren Cockpits, teils im Oelzeug, auf das, was da kommen würde. Und plötzlich kam alles miteinander: die Blitzlichter, das Donnergeroll und der Wind. So viel Wind auf einen "Chlapf" haben wir noch nie erlebt und wünschen, es nie wieder erleben zu müssen. Mit 75 Knoten (laut Zeitung), das sind ca. 130 bis 140 km/Std, fegte der Wind über uns hinweg. Daniel schickte mich nach unten in den Schiffssalon. Dann hörte ich ihn sagen: "Der kommt auf uns zu, der fährt in uns hinein, bei dem hält der Anker nicht". Es betraf das Schiff vor uns. Sofort war ich wieder oben. Das mit dem Bug auf uns zudriftende Segelschiff sah aus wie ein Ungeheuer. Es erschien wie durch einen Vorhang, so stark regnete es. Und dann wurde es von den Wellen und dem Wind immer wieder in unsere Bordwand gedrückt, hat die grüne Positionslampe abgerissen und die Bordwand beschädigt. Ich rannte wieder nach unten und als ich zum Fenster hinaus schaute, sah ich die schwarze Bordwand der Stahlbarke auf der anderen Seite direkt neben unserem Schiff. Ich hörte es ein-, zwei-, dreimal krachen und wusste, jetzt ist etwas nicht mehr gut. War da ein Loch in der Bordwand? In Windeseile packte ich unsere wasserdichte Tasche mit dem Laptop, den Pässen, Schiffspapieren, Geld und Ersatzkleidern. Diese stellte ich neben den Niedergang, Gorky lag auch in Griffnähe, Daniel befand sich eh schon im Cockpit, für den Fall, dass wir ins Dinghy hätten springen müssen. Der Sprung wurde dann nicht nötig. Als sich der Wind etwas legte und man besser sah, wollte ich den Anker lichten. Dies ging aber recht harzig bis wir entdeckten, dass die Ankerkette des anderen Schiffes auf unserer lag. Als sein Anker ausbrach und sich sein Schiff um 180 Grad drehte, hatte er unseren Anker ausgebrochen, während er mit dem Bug auf uns zukam, deshalb war es überhaupt möglich, uns in die Stahlbarke zu stossen. Unser Abstand zur Barke war gross genug, Schwojen inklusive. Dann kam Lucien, der Schweizer, mit seinem Dinghy und versuchte mit voller Kraft unseren Anker zu befreien. Es gelang schliesslich, aber da war noch eine Leine, die sich verfangen hatte. Kurz entschlossen schnitt er diese mit einem Messer durch. Es war vermutlich die Dinghyleine des anderen, die sich auch um unseren Anker gewickelt hatte. Er zog sein Dinghy vor dem Sturm nicht an sein Schiff heran, sondern liess es an einer langen Leine baumeln. Diese, seine Leine, wickelte sich schliesslich um seinen eigenen Propeller, so dass er seinen Motor auch nicht hatte gegen den Wind einsetzen können. Es herrschte ein totales Durcheinander. Die Coast Guard schleppte den amerikanischen "Kollegen" ab, weil er keinen Anker mehr hatte und den Motor nicht benutzen konnte. Da ein weiterer Thunderstorm angesagt wurde, der dann aber nicht kam, setzten wir einen Zweitanker aus. Dann betrachteten wir den Schaden , der in der Zwischenzeit von einer Werft auf $ 20'000.-geschdtzt wurde mit einer Reparaturdauer von 4 bis 6 Wochen. (Ein Bild des Schadens wird später in der Homepage erscheinen.) Später erschien die Polizei und schrieb ein Protokoll. Sie fragte uns, ob wir einen Schiffsführerausweis besässen. Ausgerechnet ein Amerikaner stellte uns so eine Frage, nachdem hier jeder nur einen Autoführerausweis benötigt, um ein Schiff irgendwelcher Grösse zu steuern. Deshalb haben sie auch nicht so viel Ahnung vom Ankern. Man sollte immer in gebührender Distanz eines Amis ankern, wurde uns von Europäern angeraten. Die werfen oft den Anker einfach über Bord und fertig ist das Manöver. Meistens haben sie ein paar Meter Kette und sonst Ankerleine, die aussieht wie eine dickere Packschnur. Als der Polizist von der Befragung des Verursachers nachts um 02.30 Uhr zu uns zurückkam, erzählte er Daniel, dass der andere nicht sicher sei, uns überhaupt berührt zu haben, bevor wir in die Barke gerieten. So eine Frechheit. Wir haben aber zwei Zeugen: der Engländer von der einen Seite und der Amerikaner auf der anderen, und beide haben gesehen, wie der "Kollege" in uns hineinfuhr und haben es auch zu Protokoll gegeben. Er war doch wirklich ein Kollege, denn anderntags wollte er ein Glas Wein mit uns trinken, so quasi unter Kollegen. Uns war es aber nicht so kollegial zu Mute. Auch wenn wir unschuldig sind, die Troubles bleiben an uns hängen.

Einige andere Schiffe wurden regelrecht in den Kanal hinaus "gewindet". Sie hatten das Glück, dass sich keine Stahlbarke im Weg befand und sie auch von keinem gestossen wurden. Ein anderes Boot kenterte.

Anderntags verliessen wir Norfolk mit einem bitteren Nachgeschmack. Während der Fahrt wurde wieder ein Gewittersturm angesagt. Wir versuchten dann zwei Stunden lang in der Chesapeake Bay dem Gewitter davonzufahren, was uns auch gelang. Übrig blieb nur noch der Regen, aber das war das kleinste Übel. Nach ein paar Stunden sind wir dann im York River Yacht Haven angekommen und haben die vollkommene Ruhe genossen. Dort gedenken wir unser Schiff zu überwintern. Die undichte Stelle haben wir ausgeschäumt, der Rest mit einem starken Band verklebt und sind so noch 200 Seemeilen weitergefahren. Nach einem längeren Schlag erreichten wir Atlantic City. Es regnete zwei Tage lang, war sehr feucht und kalt. Zum ersten Mal nach zwei Jahren haben wir die Heizung wieder eingeschaltet und sie funktionierte. Wir besuchten ein Casino und beobachteten das deprimierende Verhalten der Leute. Eigentlich warteten wir nur auf ein Wetterfenster, um weiter zu fahren. Nach nur drei Tagen war unsere Ankerkette komplett mit Muscheln bewachsen, sogar die Hohlrdume in den Kettengliedern wurden von Muschelbewuchs ausgefüllt. Die Kette konnte man nur noch erahnen. So eine Schweinerei beim Hochziehen habe ich noch nicht erlebt. Daniel verbrachte mindestens zwei Stunden mit putzen des Ankerkastens, der Fender, der Kette und des Decks. überall Muscheln. Nachdem Daniel noch nicht soviel in seinem Leben geputzt hat wie ich, war ich froh |ber seine Initiative.

Nach einem weiteren Schlag über Nacht sind wir am nordwestlichsten Zipfel von Long Island angekommen. An diesem Ankerplatz in Orient Harbour gibt es fast keine Touristen. Die herrliche Ruhe hier ist genüsslich. Vor uns liegt eine kleine, sehr schöne Ortschaft wie aus dem Bilderbuch mit ihrem eigenen, munzigen Yacht Club für die Einheimischen. New York ist von hier aus in einer zweistündigen Autofahrt erreichbar. NY werden wir zu einem weniger "heissen" Zeitpunkt besuchen. Am 10. Juli geht unser Schiff in Essex (Connecticut) in die Werft zur Reparatur und wir hoffen, dass es hier wirklich, wie versprochen, in 2 -3 Wochen geflickt wird. Es handelt sich um eine Werft, die mit Hallberg-Rassy Schiffen Erfahrung hat.

In der Zwischenzeit verbleiben wir

mit herzlichen Grüssen und SOLONG

Silvia Glur, der Schreiberling
Daniel Glur, der Durchleser
Gorky , der Mirischdochglich (Bordhund)