SOLONG – NEWS 17. Folge
US-OSTKUESTE II
10. Juli 2000 - 1. Oktober 2000 - Von Long Island nach Connecticut,
Rhode Island, Massachussets, New Hampshire, Maine (nördlichster
Punkt: Bar Harbour), Portland, Boston, Cape Cod , diverse Ankerbuchten,
Block Island, Mystic, ESSEX !!!
Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte
An der US-Ostküste bleibt einem nicht so viel Zeit zum Schreiben,
ständig wird man durch etwas abgelenkt , aber ich will es trotzdem
versuchen. Havarien gibt es vorläufig keine mehr zu verzeichnen,
Bösewichte sind uns keine begegnet, nur von einigen persönlichen
Troubles im August und September wurden wir nicht verschont, auch nicht
von gewissen Pannen, wie die Hydraulik der Roll-Genua (vorderstes Segel),
das sich nicht mehr aus- und einrollen liess. Musste per UPS nach Schweden
geschickt werden. Der Autopilot ist ausgestiegen, haben aber dank Empfehlung
von Herrn Rassy einen zweiten. Das eine Heizsystem mit dem Thermostat
muss demontiert werden. Daniel will dem Mechaniker zuschauen, damit
er es das nächste Mal selber flicken kann. Und wer nun den Eindruck
hat, dieser Bericht werde ohne all die stets beschriebenen, stressigen
Zwischenfälle langweilig, der lege ihn gleich zur Seite.
Nach der wunderschönen Woche anfangs Juli auf Long Island, die
uns buchstäblich geschenkt wurde, weil wir uns im Zeitplan verrechnet
hatten, verbrachten wir fast den ganzen Monat Juli mit der Schiffsreparatur
in der Bootswerft. Es herrschte überall auf dem Schiff ein Durcheinander,
unter Deck und auf dem Deck. Während etwas mehr als zwei Wochen
lebten wir auf dem Schiff und als das Boot aus dem Wasser musste, übersiedelten
wir in ein hundefreundliches Hotel. Es gibt einen Hotelguide für
"Pets", damit man weiss, wo Hunde willkommen sind. Nicht so
einfach in Amerika. Das viele Kommen und Gehen der Handwerker machte
ihn so nervös, dass er buchstäbllich nach allem und jedem
schnappte und auch hie und da in einen Schuh hinein biss. Peinlich.
Er bellte jeden vorbeigehenden Fussgänger an und verführte
einen Heidenkrach in der ganzen Marina. Auch peinlich. Abgesehen davon
haben wir die nähere Umgebung von Essex recht gut kennen gelernt.
Die Countryside von Neu England (Connecticut, Rhode Island, Massachusetts,
New Hampshire und Maine) hat sehr viel Charme und ist absolut sehenswert.
Ende Juli holten wir unsere Tochter mit dem Auto in New York ab, weil
sie eine Woche Ferien mit uns auf dem Schiff verbringen wollte. Die
Werft haben wir mit dem noch nicht ganz fertig reparierten Boot verlassen
und schlugen den Weg in nördlicher!! Richtung ein. Die Sonne blickte
während der ganzen Woche kein einziges Mal durch die dicke Wolkendecke,
aber unsere Tochter will sich ja eh auf dem Schiff erholen und viel
schlafen, so schauten wir uns an einem Regentag vor Anker drei Videos
an und erinnerten uns beim dritten nicht mehr, um was es sich beim ersten
handelte.
In der Zwischenzeit erhielten wir von der US- Versicherungsgesellschaft
unseres Schadenverursachers die Bestätigung, dass der gesamte Schaden
in der Höhe von $ 24'000.-übernommen wurde. Wenn nicht, hätten
wir wohl auch so einen der zahllosen Lawyers um Hilfe bitten müssen.
Wenn die Aussage des Haarschneiders hier in Essex stimmt (fünf
Tage in der Woche verbringt er als Berufsfischer auf dem Meer und während
zwei Tagen schneidet er Haare, und zwar recht gut), dann kommt auf 40
Einwohner ein Anwalt. Und warum so viele Anwälte, weil es unzählige
Gesetze gibt. Wir haben angefangen, die Verbotstafeln, die immer mit
einem Gesetz verknüpft sind, zu fotografieren, weil uns dies sonst
niemand glaubt. Es ist zum Beispiel ein Gesetz, so steht auf der Tafel
geschrieben, dass die Hundeleine nicht länger als 8 "feet"
(2.4 m) sein darf. Unsere ist auf 8 m ( 27 feet) ausziehbar. Demnach
sind wir hier bereits Gesetzesbrecher. Anderseits kann ein Hundehalter
zünftig zur Kasse gebeten werden, sollte er eine Person beissen.
Und was tun die Amerikaner, was ? Sie streicheln überall Hunde
und unseren noch viel mehr, weil der klein und niedlich aussieht. Wie
wenn der keine Zähne hätte. Sie ziehen ihre Hände jeweils
blitzschnell wieder zurück, wenn der niedliche Hund fletscht. Wir
hoffen nur, dass dies wirklich immer rechtzeitig geschieht. Denn oft
sehen wir die Leute gar nicht, wenn sie von hinten angerannt kommen,
dabei ist Gorki allergisch auf diese diversen Streicheleinheiten, er
schätzt solche Überfälle nicht besonders. Wir sollten
bei 90 Grad West und Ost, sowie südlich noch je zwei Augenpaare
haben, um die Leute abzuwehren. Nun habe ich eine Tafel geschrieben
mit folgendem Text: Please, don't touch the dog, he is not always friendly,
thank you (bitte, den Hund nicht berühren, er ist nicht immer freundlich).
Nur so können wir es riskieren, den Hund angebunden, alleine vor
einem Geschäft warten zu lassen. Wir empfinden Amerika nicht in
jeder Hinsicht als Land der unbegrenzten Freiheiten, dafür gibt
es viel zu viele Gesetze. Einziges Heiligtum ist das Eigentum.
Bei schönem Wetter fuhren wir durch den Kanal von Cape Cod und
näherten uns langsam aber sich Maine. Cape Cod ist ein strategischer
Punkt, an welchem sich die Hurricanes meistens zerschlagen, sollten
sie je so weit nördlich ziehen, und höchst selten dringen
sie bis nach Maine. Die Hauptstadt von Maine heisst Portland. Es ist
eine ruhige, saubere Stadt und von unserem Liegeplatz aus in der Downtown
Marina waren wir jederzeit sprungbereit für Eskapaden. In drei
weiteren Schritten segelten wir hoch nach Bar Harbour. Dort erreichten
wir unseren nördlichsten Punkt in Maine, wo wir meine Nichte erwarteten,
die uns zwei Wochen lang begleitete. Wir motorten oder segelten die
Maine-Küste wieder ganz gemütlich hinunter mit unserem Gast
bis Portland und genossen die wunderschönen, ruhigen und natürlichen
Buchten und Fischerhäfen. Die unzähligen, farbigen Bojen,
an denen Lobsterkörbe hingen, verlangten unsere ganze Konzentration,
besonders bei Wellengang, Gegenlicht und schwarzen den Tag schon wieder
vor dem Abend gelobt.
Vor genau einer Woche übernachteten wir in einer Bucht am Ende
des Cape Cod Kanals von Maine kommend. Die Seezeichen in USA sind eigentlich
vorbildlich und sehr zuverlässig. Bei der Einfahrt in eine Bucht
ist immer die rote Tonne (Fahrwasserbezeichnung) rechts und die grüne
links. In Europa ist es genau umgekehrt. Aber das wissen die Segler
hier. Wir sind ganz korrekt zwischen der roten und grünen hindurchgefahren
und dann war da der Felsen. Es befand sich neben der grünen Tonne
nochmals eine grüne und zwischen diesen beiden grünen Zeichen
hätten wir durchfahren sollen. Dies ist so eine Ausnahmeregelung.
Ein Schweizer und ein Franzose sind mit etwas mehr Glück und weniger
Tiefgang auch zwischen rot und grün durch. Es entstand ein starker
"Rumpelruck", speziell nachdem Daniel noch etwas beschleunigte
wegen der starken Strömung. Daniel hat am Ruder Halt gefunden.
Ich sass etwas erhöht neben ihm, damit ich über dem Hardtop
bessere Sicht auf die Lobsterbojen hatte. Es spickte mich "straight
away" in Richtung Hardtop, wo ich mir am oberen Rand den Kopf grausam
anschlug. (Wer mich kennt weiss, dass es mich nicht so selbstverständlich
"spickt".) Es hat sich wieder einmal gezeigt, wie gut sich
ein harter Kopf bewährt. Der Bluterguss an der Stirne legte sich
um beide Augen wie dicke Ringe und noch heute starren mich die Leute
mitleidig an. Die Schwester im Spital hat auch nicht richtig geglaubt,
was ich ihr erzählte. Jedenfalls frage sie mich, ob ich mich zu
Hause "safe" fühle.!!!!!!!!!!!!!!!! Die Fischer riefen
die Coast Guard, die recht schnell zur Stelle war. Weil wir die Bilgenpumpe
alle 15 Minuten hörten, legten sich der Coast Guard Mann und ich
im Schiffssalon auf den Bauch und guckten durch das enge Loch in die
Bilge hinunter. Das muss ja ein Anblick gewesen sein. Die Bilge ist
die Stelle im Boot unter den Bodenbrettern, in der sich das Bilgenwasser
sammelt, bis es von der Bilgenpumpe wieder gelenzt wird. Wir entdeckten
einen Riss im Polyester, der sich von der linken bis zur rechten Schiffsseite
ausdehnt und längs verlauft er unter den Dieseltank. Weil wir das
Boot in jener Bucht nicht aus dem Wasser nehmen konnten, da der Lift
zu schwach war, und wir nicht wussten, wie gross der Schaden ist und
wo Wasser eindringt, organisierten wir die Weiterfahrt in eine andere
Bucht mit Vessel Assist, deren Mitglied wir sind. Wir wollten von ihrem
Boot begleitet werden, falls irgend etwas hätte passieren sollen.
Es verlief aber gut. Das Schiff kam in jener Bucht aus dem Wasser, die
lecke Stelle wurde provisorisch geschlossen, der Schaden an der Aussenhaut
ist nicht sehr gross, inwendig etwas grösser. Aber der Dieseltank
muss herausgenommen werden und was sonst noch alles Unbekanntes ans
Tageslicht kommen wird, weiss man erst während der Arbeit. Wir
fahren noch nach Essex und nicht mehr in die Chesapeake Bay, wo das
Schiff überwintert und während unserer Abwesenheit wieder
einmal repariert wird.
Ende der Stange. Hoffentlich reicht uns der Winter, um das vergangene
Jahr zu verdauen, damit wir ausgeruht und in bester Form die nächste
Etappe in Angriff nehmen können. Wir möchten schon sehr gerne
nach Vancouver. Anfangs November fliegen wir nach Hause. Es gibt eine
Winterschreibpause. Den Neustart werden wir wieder ankündigen.
Und nun noch einige familiären Mitteilungen für jene, die
uns kennen. Unser Sohn Philippe hat seine Yasuko im vergangenen Juli
"fast" klammheimlich geheiratet. Er wohnt seit Januar 2000
wieder in der Schweiz, Lausanne, wo er für Hyatt Europa (der Hyatt
Hauptsitz Europa befindet sich in Lausanne) als Revenue Manager arbeitet.
In dieser Funktion befindet er sich dieses Jahr mehr im Ausland als
in der Schweiz, d. h. im Fernen Osten und Südamerika sowie etwas
in Frankreich und Deutschland. Unsere Tochter Nicole hat im September
den Arbeitsort von der Dominikanischen Republik nach Mexiko (Puerto
Vallarta am Pazifischen Ozean) verlegt, wo sie für dieselbe Hotelkette
wie vorher, Sol Melia, als Director of Sales arbeitet. Beide sind glücklich,
was uns manches erleichtert.
Wir möchten nicht unerwähnt lassen, dass wir trotz der unzähligen
Miseren auch viele Bekanntschaften gemacht haben, woraus einige Freundschaften
gewachsen sind.
In der längeren Zwischenzeit verbleiben wir als Crew von der SOLONG
mit lieben Grüssen
Silvia, der manchmal "motzende" Schreiberling
Daniel, der geduldige Durchleser
Gorki, der Mirischdochbaldnümesoglich Bordhund