SOLONG - NEWS 20. Folge

Great Lakes, Kanada

11. Juli bis 31. August 2001 - Niagara River, Erie Lake, Detroit River, Lake St. Claire, St. Claire River, Lake Huron , North Channel, Georgian Bay


Hello Freunde, Verwandte und Bekannte

Schön ist es hier oben im North Channel. Doch zuerst der Reihe nach.

Die „Grossen Seeen" oder „Great Lakes", wie man sie hier nennt, sind in etwa so gross wie das Mittelmeer. Sie bestehen aus dem Lake Ontario, Lake Erie, Lake St. Claire, Lake Huron, Lake Michigan, Lake Superior, dem North Channel - Verbindung zwischen dem Lake Superior und der Georgian Bay. Nur Lake Michigan gehört ganz den USA, alle anderen sind in der Mitte geteilt so wie der Bodensee zur Hälfte der Schweiz gehört und zur anderen Hälfte zu Deutschland.

Nach einer kurzen Fahrt auf dem Niagara River mit Besuch der berühmten und eindrücklichen „Falls" sind wir im Erie Lake angekommen. Auf der kanadischen Seite machten wir in Port Colbourne fest. Erste Überraschung: Jeder von uns beiden dachte, er hätte das Decksluk im Bug geschlossen und keiner hat es getan. An jenem Tag hatten wir recht hohe Wellen und Wind auf der Nase, wobei das Wasser des öftern übers Deck spritzte und hinunter floss in die Bugkabine. Die Matratzen trieften von Wasser und auch der ganze Kram, der unter diesen Betten lagert, musste an Deck geschleppt werden. Dies waren schwere Segelsäcke, der Blister, Duvets und vieles mehr. Alles wurde zum Trocknen an der Sonne aufgehängt. In Europa gehört es zum Alltag, die Wäsche an der Sonne auf Deck zu trocknen. In USA und Kanada ist dies unüblich.

Zweite Überraschung: Zwei Zollbeamten haben Daniels Militärwaffe abgeholt. Beim Verlassen des Landes wird sie jeweils wieder ans Schiff gebracht. Ein Gewehr wäre erlaubt gewesen, aber keine Pistole. Nirgends hatten wir Schwierigkeiten mit der Waffe, weil wir sie überall deklarieren. Auch in Kanada nicht. Es besteht das Gesetz, dass in Kanada niemand mit einer Pistole einreisen darf. Wenn beim Durchsuchen des Schiffes eine nicht deklarierte Waffe gefunden wird, kann das Boot konfisziert werden. Es ist auch keine Notwendigkeit in Kanada mit einer „Knarre" zu reisen, man lebt hier ruhig und meistens sicher. Nicht so wie in Venezuela oder anderen zentralamerikanischen Staaten, wo Segler manchmal um ihr Leben bangen. Weil die kanadische Uferseite zu untief ist, und wir mit unserem Tiefgang von 2.30m weder in eine Ankerbucht noch in eine Marina hinein gekommen wären, segelten wir dem amerikanischen Ufer des Lake Erie entlang. Somit wurde uns die Pistole vom kanadischen Zoll wieder zurück gebracht. In den USA schreit kein Hahn danach, ob einer Maschinengewehre oder sonstige Schiesseisen mitführt.

Die Stimmung in den Great Lakes ist ganz anders als in Küstengewässern, weil es dort praktisch keine Fahrtensegler gibt. Es sind alles Einheimische nur ab und zu ein Fremder. Auch kamen sie mit unserer Nationalflagge nicht immer zurecht. Einige dachten, wir gehören zum „Roten Kreuz", andere meinten, Daniel sei ein Doktor, und wieder andere, aber nur wenige wussten, dass wir aus der Schweiz sind. Der „Lake Erie" ist nicht besonders reizvoll, zuviel Industrie ist hier zu Hause. Die einzige schöne Ankerbucht befindet sich in Erie selber: die Presquile Bay, ein wunderbarer Naturhafen. Sofern uns Neptun gut gesinnt war, segelten wir in Tagesetappen dem Erie-See entlang und ankerten stets nur für die Nacht hinter einem Schutzwall. Die erste Hitzewelle mit 40 Grad erreichte uns dort, zusammen mit einer Invasion von stechenden „black flies". 12 Stunden am Tag lässt man den „Fliegentätscher" nicht mehr aus der Hand.

Im Lake St. Claire durften wir im Grosse Pointe Yacht Club festmachen. Was für eine Ehre, nachdem Wort wörtlich im Buch steht „transients not welcome". Es handelt sich da um den exklusivsten Yacht Club von USA. Weiter steht da im Buch: Hob-nob with hoity-toity = auf Du und Du mit der High Society = Schickeria. 1000 Mitglieder zählt der Club und 4 davon haben während den zwei Wochen das Wort an uns gerichtet. Wir waren aber echt froh, dort Unterschlupf gefunden zu haben, denn Detroit sei kein gutes Pflaster und die anderen Marinas am Lake St. Claire, die zwar für 120'000 Schiffe Boxen haben, waren ausgebucht oder hatten für uns zu wenig Tiefe. Zudem erwarteten wir dort den Besuch unserer Tochter, sonst hätten wir unsere Reise sicher fortgesetzt. Auch wurde dort eine defekte Heizung ausgetauscht. In Detroit - Hauptsitz von Ford und Chrisler - wohnen heute 87% Schwarze. Die Stadt sieht ziemlich heruntergekommen aus. Die Weissen sind alle an die top gepflegte Peripherie gezogen, wo sich auch der Yacht Club befindet. Die Ford-Villa im feinen Quartier steht als Wohnmuseum offen. Und was uns am meisten beeindruckte, waren die wie Chrom aussehenden Abdeckungen in Küche, Office 1 und Office 2. Es handelt sich um reines Sterling Silber. Dieser ausgesprochene, seit Beginn des 20. Jahrhunderts entstandene Reichtum und Gigantismus, versetzten uns immer wieder in Staunen.

Die zweite Hitzewelle erwischte uns in Detroit, wobei die Temperaturen wieder auf 40 Grad Celsius und mehr kletterten. Dieses Mal erlebten wir einen echten Mückenregen. Die Biester stachen zwar nicht, aber sie bedeckten so ziemlich alles was möglich war und klebten auf dem Schiff, an der Bordwand, auf Stegen, an Beleuchtungskandelabern, auf Abfalleimer, an den Köpfen und Kleidern einfach an allem. Die lieblichen „black flies", die so schnell stechen wie sie fliegen, mischten sich später im River wieder dazu. Wir wissen ja gar nicht wie schön es in der Schweiz ist ohne all diese Ungeziefer und Hitzewellen. Dafür regnet es hier fast nie im Sommer und die Wiesen sind teilweise dürr und braun. Aus klimatischer Sicht, werde ich diesen Sommer nie mehr vergessen.

In Detroit telefonierten wir dem kanadischen Zoll, um zu fragen, was wir für einen Beweis benötigen, wenn wir die Waffe in die Schweiz zurück schicken. Erstaunlicherweise war kein Beweis nötig, sie glaubten uns einfach. Daniel hatte die glorreiche Idee, die Waffe zu demontieren und in zwei Postpaketen, deklariert als „mechanical parts", zu versenden. Nur Fedex akzeptierte diese Post. Es gibt hier sog. Mail-Boxen, das sind Unternehmen, die entweder mit UPS, Fedex oder DHL versenden, je nach Destination. Es wurde die Adresse eines Waffenhändlers aus Detroit als Absender verlangt und diejenige eines Waffenhändlers in der Schweiz als Adressat. Dazu musste ein Nachbar in der Schweiz nochmals aus dem Bett steigen - schuld war die Zeitverschiebung - aber als Jäger konnte er uns gleich die benötigte Adresse durchgeben. Schliesslich bezahlten wir für die zwei Postpakete US$ 220.-und haben später herausgefunden, dass aus den zwei Paketen doch nur eines gemacht wurde. So läuft das halt manchmal. Daniel ist glücklich, sein Militär-Schiesseisen in der Schweiz zu wissen. An was Männer so allem hängen!! In der Schweiz angelangt, durften wir die Waffe nicht so ohne weiteres abholen. Daniel benötigte einen Strafregisterauszug, den er dann der Gemeinde zusandte. Worauf diese ihm einen Waffenerwerbsschein ausstellte, der ihn endlich zum Waffenbezug ermächtigte. Enfin!!

In recht schnellen Schlägen sind wir durch den St. Claire River und den Lake Huron gefahren. Unterwegs haben wir in den USA aus- und in Kanada einklariert. Der erste Ort in der schönen Georgian Bay heisst Tobermory. Endlich wieder eine schöne Ankerbucht, eine kleine Ortschaft und alle Läden wieder in „walking distance". Das Dinghy durfte am Steg vor der Bäckerei festgemacht werden, auch an anderen Orten war das Festmachen möglich. Keine Vorschrifts- und Verbotstafeln. Einfach normal. Es steht auch nirgends mehr geschrieben „watch your step". Es ist wieder jeder selbst dafür verantwortlich, wenn er ins Wasser fällt oder über einen Stein stolpert. Die Preise sind auch um einiges niedriger als in den USA. Die Leute sind freundlich und gesprächig. Es ist einem wohl ums Herz. Wir „kurvten" im North Channel herum und genossen die vielen, natürlichen, ruhigen, mit sauberem Wasser versehenen Ankerbuchten. Alle Ortschaften sind klein und wieder überschaubar. Es sieht fast so aus wie in Schweden mit den vielen runden Felsen und den mit Bäumen bewachsenen Inseln. Die Stege hier sind manchmal wackelig und unstabil, aber wir vermissen die Perfektion nicht. Auf den kleinen Inseln sind wir wenigstens sicher, keinem Braunbären zu begegnen. Es gibt viele hier. Sie sehen zwar drollig aus, sind es aber ganz und gar nicht und können in einem Tempo bis zu 60 km/Std. rennen, sie können klettern und schwimmen. Also vom rettenden Sprung ins Wasser ist abzuraten.

Zeitlich sind wir ziemlich ins Hintertreffen geraten und haben die Georgian Bay noch nicht gesehen. Auch sei das befahren des Lake Superior etwas spät im September, weil dieser See wild und stürmisch sein kann. Demzufolge vertagen wir unser Vancouver-Projekt bis zum nächsten Jahr.

Im August lernten wir einige nette Bootsleute kennen. Es war eine lustige Zeit, die im Handumdrehen verging. Im September verabschiedeten wir uns wieder bis zum nächsten Frühjahr, also 2002, und jeder ging mit seinem Schiff geruhsam seinem Winterlager entgegen.

Am 11. September lagen wir schon seit zwei Tagen hinter einem einsamen Felsen vor Anker und wollten gerade die Wettervorhersage am TV suchen, als gleichzeitig die World Trade Center Türme fielen. Auch wir konnten es fast nicht fassen und verfolgten die Geschichte zwei Tage lang am Fernsehgerät. Anschliessend segelten wir in eine weitere Bucht in Richtung Winterlager. Im Schritttempo berührten wir einen Felsen, der auf keiner Seekarte vermerkt war. Es gibt aber haufenweise solcher unbenannter Felsen, weil sich der Wasserspiegel im Laufe der Zeit um einen Meter gesenkt hat. Die Kanadier sagen, die Seen werden in Chicago langsam leer gepumpt, damit der Mississippi gespeist werden kann.

Unsere leichte Berührung hatte zu unserem Schrecken einen viel grösseren Wassereinbruch zur Folge als vorletztes Jahr, wo wir wirklich einen Felsen gerammt hatten. Mutterseelen allein befanden wir uns in jener Bucht und meine Angst war wieder da. Alle 90 Sekunden startete die automatische Bilgenpumpe und dies während über fünfzig Stunden - eine Nervensäge, aber sie funktionierte bis zum Schluss einwandfrei! Unser Navirex Flickmaterial, welches unter Wasser hätte angewendet werden können, um Löcher provisorisch zu stopfen, entpuppte sich als nutzlos, weil eine Flasche des zu verwendenden Materials ausgelaufen ist. Bei der zweiten Verpackung Navirex war es genau so. Mit der Coast Guard wurde vereinbart, dass wir mit einem Begleitschiff die 90 Seemeilen bis zur nächsten Marina zurücklegen würden. Es stellte sich heraus, dass die im Vorjahr durchgeführte Reparatur unvollständig und fehlerhaft war. Unser Schiff wurde dann während dem vergangenen Winter, durch einen Spezialisten aus der Herstellerwerft in Schweden einwandfrei repariert. Somit ist mein Vertrauen für die nächste Saison wieder hergestellt.

Am 1 Oktober 2001 haben wir die Segelsaison beendet und sind am 2. Oktober mit der letzten Swissair Maschine vor dem Grounding in Kloten angekommen. Unsere SOLONG steht nun in Midland (Ontario, Kanada) am südlichen Zipfel der Georgian Bay in einer Marina. Midland ist 1 ½ Autostunden von Toronto entfernt.

Hugs and kisses von der SOLONG Crew

Daniel und Silvia Glur mit Bordhund Gorki